12. Arbeitstagung im Evangelischen Augustinerkloster zu Erfurt 27./28. Juli 2005 in Erfurt

– 56 Teilnehmer –

Organisation und Leitung:
Dr. W. Reiser, Erfurt, Dr. A. Meinel, Heimburg, Dr. H. v.d. Schulenburg, Bad Salzuflen

Herr Dr. Reiser, der die AG schon im vergangenen Jahre nach Erfurt eingeladen hatte, empfing die große Schar der (>40) früh angereisten Teilnehmer um 10:30 Uhr am Haupteingang der ega, der 1952 begründeten und inzwischen international bekannten Erfurter Gartenausstellung. Die Führung durch die gepflegten Anlagen und die bunte Blumenpracht übernahm ein Mitarbeiter der ega, der für den Rundgang einige besonders interessante Objekte ausgewählt hatte, u.a. das „größte ornamental bepflanzte Blumenbeet Europas“ (fast 1 km lang), den Rosengarten und den neuen japanischen Fels- und Wassergarten. Aber in der Kürze der verfügbaren eineinhalb Stunden konnte damit von dem fast 60 ha großen Ausstellungsgeländes nur ein sehr kleiner Ausschnitt besichtigt werden – eine Anregung zum Wiederkommen!

Offiziell begann die Tagung um 14:00 Uhr in der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in der Leipziger Strasse, wo in Vertretung von Herrn Dr. Czekalla die Teilnehmer von der stellvertretenden Direktorin Frau Altmann begrüßt wurden. Ausgehend von einer Ingenieurschule für Gartenbau entstand hier seit 1991 eine moderne Ausbildungsstätte für Meister und Techniker im Gartenbau in Verbindung mit einer Versuchsstation für den Gemüse-, Obst- und Zierpflanzenbau sowie den Garten- und Landschaftsbau. Mit ihrem 15 ha großen Gelände grenzt die Anstalt unmittelbar an die Fachbereiche Gartenbau und Landschaftsarchitektur der Fachhochschule Erfurt und ist mit diesen durch vielfältige Zusammenarbeit verbunden. Sie verfügt über einen gepflegten, z. T. neuen Gebäudebestand und rd. 50 Mitarbeiter, einschließlich der Lehrer, die gleichzeitig Versuchsleiter sind. Über die eigenen ein- bzw. zweijährigen Fachlehrgänge hinaus wurde der Anstalt kürzlich auch die überbetriebliche Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau des Landes Hessen übertragen – ein Beleg für ihr hohen fachliches Niveau. Der 2stündige Rundgang durch die Versuchsanlagen ließ das Herz aller Gartenfreunde höher schlagen: Üppig blühende Balkonkästen und Blumenampeln, exakte Prüfanlagen für Rosen und andere Blütenstauden, überreich fruchtende Reihen von Schwarzen Johannisbeeren, Äpfeln oder Schwarzem Holunder; für den Produktionsgartenbau modernste Gewächshäuser und für den Gartenlandschaftsbau eine großzügige Ausbildungshalle und ein kunstvoll angelegter Lehrgarten mit Arboretum und vielgestaltiger Staudenbepflanzung sowie vieles andere mehr.

Zurück im Vortragsraum der Anstalt genossen die Teilnehmer die angebotenen riesengroßen Kirschen ebenso wie die Vorträge von Dr. Blüthner und Dr. Reiser über die Geschichte des Erfurter Gartenbaus von seinen Anfängen unter Christian Reichart (1685-1775), dem Begründer des modernen Erwerbsgartenbaus, bis heute. Beide Berichte sollen demnächst in der GPZ-Reihe „Vorträge für Pflanzenzüchtung“ im Druck erscheinen.

Zum abendlichen Beisammensein trafen sich die Teilnehmer im Luthersaal des Augustinerklosters, wo sie sich dem Ort angemessen vielfältiger Konversation befleißigten. Aber klösterliche Askese ließ das üppige Buffet nicht aufkommen, weshalb unklar blieb, ob zur Nacht Einige durch das niedergehende Gewitter oder eine innere Unruhe aus dem Schlaf gerissen wurden.

Am nächsten Morgen fand die Arbeitssitzung der AG im Raum Wittenberg im Renaissancehof des Klosters statt. Tagesordnungspunkte waren: (1) die Fortführung des Biographischen Lexikons (Nachträge sollen je nach Anfall als „Dokument“ in den „Vorträgen“ veröffentlicht werden; im übrigen soll im BDP in Bonn ein Briefkasten für historisch bedeutsame Informationen eingerichtet werden); (2) die Vorbereitung einer Monographie über „Pflanzenzüchtung in Deutschland – 100 Jahre GFP e.V.“, die Prof. Röbbelen vorstellte und für die er um Mitarbeit bat, und (3) Verschiedenes; hier wurde u.a. Dr. Kley gebeten, bei der DSV anzufragen, ob die AG 9 ihre nächste Tagung im Juni 2006 in Leutewitz veranstalten könnte, wo Christian Adolf Steiger für seine berühmte Merino-Schafzucht schon 1825 mit der Runkelzüchtung begann (die Zusage liegt inzwischen vor!). Zu dieser Tagung soll (so Röbbelen), um der Vergreisung der AG zu begegnen, jedes AG-Mitglied einen interessierten Jungpensionär mitbringen!

Um 10:30 Uhr fand man sich auf dem Hof der alteingesessenen Erfurter Samenfirma N.L. Chrestensen ein, wo der Seniorchef, Herr Niels Lund Chrestensen, mit einigen Ausführungen zur Geschichte des Unternehmens und einer kurzen Vorstellung der Betriebsstruktur und des weltweiten Engagements im gärtnerischen Saatgutgeschäft begrüßte. Über weitere Einzelheiten informierte Dr. Blüthner beim Rundgang durch die Betriebsräume und Außenanlagen.

Samenvermehrte Blumen, Gemüse sowie Arznei- und Gewürzpflanzen stehen im Zentrum der unternehmerischen Aktivitäten von N.L. Chrestensen. Vertragspartner in allen Teilen der Welt produzieren das Saatgut nach verbindlichen Qualitätskriterien. Im firmeneigenen Labor werden Reinheit, Keimfähigkeit und Triebkraft ermittelt, im Probefeld die sortentypischen Merkmale überprüft. Zahlreiche Fragen der Teilnehmer machten den Rundgang kurzweilig. So wurde z.B. berichtet, das im Hobbysamenbeutelbereich neben dem Aufdruck „Keimgewähr bis Monat und Jahr“ ein amtlich festgelegter Buchstabe das Jahr der Füllung des Beutels verrät. Die Aufbereitung der eingehenden Samenpartien erfolgt mit den alt bewährten Saatreinigungsmaschinen aus „Petkus-Wutha“, einer Thüringer Traditionsfirma. Für Kleinstmengen von Feinsämereien ist allerdings weiterhin eine Handaufbereitung notwendig. Hier sind vor allem Erfahrung und Geschick gefragt. Tausende von Saatgutpartien werden jährlich aufgearbeitet und vermarktet. Die Verkaufsbereiche umfassen das internationale Wiederverkäufergeschäft, den gärtnerischen Profibereich und die Hobbygärtner. Millionen der bunten Samenbeutel werden jährlich im eigenen Unternehmen gefüllt und vermarktet. Kennzeichnend für diesen Betrieb ist, dass er bis heute spezielle Samenvermehrungen, die Produktion von Elitesaatgutbeständen und eigene Forschungs- und Entwicklungsarbeit im Bereich der Neuzüchtung von Arznei- und Gewürzpflanzen im Mutterhaus betreibt. So konnten sich die Teilnehmer mit der Erzeugung von F 1-Saatgut bei Petunien und Begonien vertraut machen. Im Probefeld wurden die Arbeiten in laufenden Projekten demonstriert. Auf der Grundlage eines EU-Projekts wurde die weltweit erste F 1-Hybride beim Majoran entwickelt; sie steht 2004/2005 im Pitolanbau. Ein Projekt zur Verbesserung von Welkeresistenz und Inhaltsstoffen beim Johanniskraut wurde 2005 abgeschlossen. Beim Fenchel laufen Arbeiten mit den Zielmerkmalen „Hoher Ölgehalt“, „Niedriger Estragolgehalt“, „Resistenz gegen Doldenkrankheiten“, „Kleinkörnigkeit“ und „Einjährigkeit“. Bei der Petersilie gibt es Vorarbeiten zur Resistenzzüchtung gegen Blattkrankheiten.

Nach einem abschließenden Imbiss dankte Dr. H. Graf v.d. Schulenburg im Namen aller Gäste für die anregende und informationsreiche Betriebsführung.

Die Familie Haage war seit 1640 in Erfurt ununterbrochen zunächst als Obst- und Gemüsegärtner tätig. Als Gärtnerlehrling beim Dresdner Hofgärtner Seidel hatte Friedrich Adolf Haage (1796-1866) die aus Amerika stammenden Kakteen als Pflanze fürstlicher Gärten kennen gelernt und weit blickend deren Liebhaberwert für das aufstrebende Bürgertum erkannt. Auf seine Kakteensammlung aufbauend, gründete sein Sohn Ferdinand 1822 eine Kakteengärtnerei, heute die älteste in Deutschland. Vom Seniorchef des Unternehmens, Hans-Friedrich Haage, begrüßt, erfuhren die Teilnehmer, dass die meisten Kakteen, abgesehen von den vegetativ vermehrten Blattkakteen, nicht eigentlich gezüchtet (gekreuzt), sondern über Samen natürlich erhalten werden. Entsprechend handelt es sich um vielgestaltige Populationen, die nach der neuesten Revision der IOS (Internationale Organisation für Sukkulentenforschung) nur noch (!) 98 Gattungen mit ca. 1500 Arten anstatt bisher 220 Gattungen mit insgesamt ca. 2500 Arten zugeordnet werden. Wie dem auch sei, zu sehen war bei dem Rundgang durch die teils sehr warmen (!) Gewächshäuser eine ungewöhnlich eindrucksvolle Vielfalt von diesen zumeist recht stacheligen Spezialisten. Dass in dem heute mehr als 150 Jahre alten Familienunternehmen eine einmalige Kompetenz in deren Behandlung und Kultur angehäuft wurde, bekundete Herr Haage mit seinen Antworten auf die vielen Fragen der Besucher eindrucksvoll. Aber die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens verlief während der fünf Generationen Haage keineswegs geradlinig, und es folgten dem ersten Kakteenboom der Biedemeierzeit mehrfach Rückschläge, ein vorletzter in der NS-Zeit (Kakteen wurden als „nicht-arisch“ angesehen). 1972 kam der Betrieb als „Brigade Kakteenzucht“ zum VEG Saatzucht Zierpflanzen Erfurt. Nach der Reprivatisierung 1990 ging es dann unter dem Namen Kakteen-Haage wieder aufwärts. Inzwischen konnte der Geschäftsbereich des Unternehmens dem Sohn Ulrich Haage nach Abschluss seines Marketing-Studiums übergeben werden, so dass sich der Vater heute wieder ausschließlich seiner großen Liebe, der Kakteenkultur widmen kann.

Damit endete das offizielle Tagungsprogramm der AG. Eine kleinere Gruppe machte anschließend mit Dr. Reiser noch einen Besuch bei Frau Dipl.agr. Annegret Rose. Diese betreibt vor den Toren der Stadt seit 1993 als Neugründung aus dem VEG Saatzucht Zierpflanzen Erfurt auf 100 ha arrondierter Pachtfläche mit 7 Voll- und 13 Teilzeit-Mitarbeitern Samenvermehrungen von Sommerblumen, Stauden, Heil- und Gewürzpflanzen (rd. 250 Arten/Sorten) – ein bemerkenswert engagiertes Unternehmen, das kennen zu lernen zur historischen Abrundung der Tagung nicht hätte fehlen dürfen.

(G. Röbbelen, Göttingen)