13. AG-Tagung bei der Deutschen Saatveredelung, Zuchtstation Leutewitz 22./23. Juni 2006 in Leutewitz/Meissen

– 61 Teilnehmer –

Organisation:
Dr. J.C. Vaupel, Leutewitz

Leitung:
Dr. A. Meinel, Heimburg, und Dr. H. Graf v.d. Schulenburg, Salzuflen

 Nach seiner Begrüßung lud der Leiter der DSV-Station Leutewitz, Dr. Vaupel, die Teilnehmer als Erstes zu einem Imbiss ein. Das Vortragsprogramm eröffnete Dr. H. Graf v.d. Schulenburg im Obergeschoss des neuen Saatzuchtgebäudes mit einem Dank an Dr. Kley und die Leitung der DSV für die freundliche Einladung nach Leutewitz. Von den Teilnehmern begrüßte er besonders Frau Hanna Steiger und Herrn Dr. H.U. Steiger mit seiner Frau Cornelia als Vertreter der Familie Steiger, die ihren Besitz in Leutewitz durch die Bodenreform in der SBZ 1946 verloren und verlassen mussten.

Die Vorträge der Tagung mit Beiträgen zur Geschichte der Pflanzenzüchtung in Leutewitz sollen in einem nächsten Heft der GPZ-Reihe „Vorträge für Pflanzenzüchtung“ gedruckt werden. Ihr Inhalt sei deshalb nachfolgend nur mit wenigen Stichworten skizziert:

Frau Dr. U. Schütze: „Anfang und Entwicklung – die Familie Steiger“.

Das Gut Leutewitz war von 1767 (85 ha) bis 1945 im Besitz der Familie Steiger. Aus den „Erinnerungen aus meinem Stammschäferleben“, einem >500-seitigen Manuskript von
Adolph Steiger über die Anfänge (1805) der „weltbekannten“ Leutewitzer Merino-Vollblut-Stammzucht. – Beginn (1825) der Massenauslese bei Futterrüben aus der bayerischen Landsorte ‘Oberndorfer Rübe’ durch C.A. Leberecht Steiger; Zuchtziele: Nährstoffertrag (Laboranalysen) und Rübenform (Kugel); positiver Standorteinfluss (Leutewitz) zugunsten hoher Trockentoleranz der ‘Leutewitzer Rübe’. – 1876 Beginn der Massenauslese aus dem Sächsischen Gebirgshafer durch K. Otto Steiger; Zuchtziele: Feinspelzigkeit (<22%), Frühreife und Ertrag. – 1880 Beginn der erfolgreichen Auslesezüchtung im englischen ‘Squarehead’-Weizen, den O. Steiger direkt aus Dänemark bezogen hatte; Zuchtziel: Erhöhung der Winterfestigkeit. 1887 DLG-Wanderversammlung in Dresden mit Exkursion nach Leutewitz.

Dr. H. Graf v. d. Schulenburg: „Futterrübenzüchtung in Leutewitz und Eckendorf“.

Darstellung der Kulturgeschichte der „Runkelrübe“ vom Beginn des Anbaus 1750 über die enorme Ertragssteigerung durch Stickstoffdüngung in den Jahren 1860-80 bis zu einer maximalen Anbaufläche von rd. 1 Mio. ha in Deutschland 1940; danach ein stetiger Rückgang im Anbau bis nahezu zur wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit der Futterrübe in der Gegenwart. Alle Bemühungen der Züchter, die arbeitsökonomischen Nachteile u.a. durch Entwicklung monogermer Sorten und maschinell erntefähiger Rübenformen auszugleichen, konnten den Niedergang nicht aufhalten. – Während in Leutewitz die Schaffütterung Ausgangspunkt für die Futterrübenzüchtung war, wurde W.v. Borries in Eckendorf seit 1846 durch den zunehmenden Einsatz von Futterrüben in der Milchviehfütterung zur Auslese von walzenförmigen „Runkeln“ aus einem Formengemisch angeregt. – In Zukunft wird der Futterrübenanbau begrenzt sein: zur Ausnutzung der diätetischen Wirkung (in der Milchviehfütterung) vorwiegend in kleinen Tierbeständen und evt. Einsatz in der Biogaserzeugung.

Dr. G. Kley, Lippstadt: „Die DSV – von Landsberg nach Lippstadt und Leutewitz“.

1923 Gründung der DSV in Landsberg/Warthe: Mangelhafte Versorgung mit Futterpflanzensaatgut nach dem 1. Weltkrieg, Grünlandbewegung. – Dr. Walther Fischer, erster DSV-Geschäftsführer; wegweisender Aufbau des Vertragsanbaus bei der Futtersaatenvermehrung.– 1929 „Landsberger Gemenge“ = je 20 kg/ha Weidelgras, Inkarnatklee und Winterwicken.

– 1945 Wiederaufbau der DSV durch Dr. Renius in Lippstadt; 1952 ist DSV größte Produk-tionsfirma von Futterpflanzensaatgut in Deutschland; 1965 und 1976 Übernahme weiterer Zuchtprogramme durch die DSV. – Aufnahme Dänemarks in die EU löst 1980/81 drastischen Preisverfall von Futterpflanzensaatgut aus. Erweiterung des Fruchtartenspektrums bei der DSV, positive Entwicklung insbesondere bei Qualitätsraps. – 1990 erste Kontakte des VEG Saatzucht Leutewitz zur DSV; diese führten 1991 zur Übernahme des VEG durch die DSV.

Dipl. agr. M. Freitag, Dresden: „Pflanzenzüchtung und Saatgutwirtschaft in Sachsen“

1895: Vereinheitlichung der Frachtgebühren für Saatguttransporte fördert in ganz Sachsen den Saatgutkauf der Landwirte. – 1900: Saatbaugenossenschaft ‘Pirnaer Roggen’. ‘Erzgebirgischer Gelbhafer’ und Flachszüchtung in Altmitweida. – 1907: erste „Saatbauinspektoren“ als Absolventen des Landwirtschaftl. Instituts der Univ. Dresden. – Erste Mähdruschversuche Ende der 1920er Jahre. – Nach 1934: Reichsnährstandsgesetze fördern den Saatgutwechsel. – 1937 wird in Nossen eine Sortenregisterstelle eingerichtet (Milatz): Infolge der Kriegswirren wird 1943 die Zentrale des Sortenregisters von Berlin nach Nossen verlegt. – Bodenreform in Sachsen: Enteignete Fläche = 270.000 ha. – 1950 werden das Gut Berthelsdorf bei Löbau, 1953 das Gut Plaußig bei Leipzig zu Saatzuchtbetrieben; in Motterwitz Fortsetzung der Gräserzüchtung (A. Günther). – Hohes Saatgutaufkommen des VEB Saat- und Pflanzgut Dresden für die sozialistischen Landwirtschaftsbetriebe (100%iger Saatgutwechsel bei Getreide) und für den Export (25.000 t in die Sowjetunion, insbes. Sommergerste). – Seit der Wiedervereinigung ist die BayWa führend in der Saatgutversorgung der sächsischen Landwirte.

Dr. C. Funke, Celle verliest auszugsweise einen Bericht über die Exkursion der „Fachschule für Landwirtschaft des Landes Sachsen in Meißen“ am 26. Juni 1948 zur Besichtigung des DSG-Betriebes Leutewitz.

Dr. J.C. Vaupel, Leutewitz: „Die Pflanzenzüchtung in Leutewitz von 1945 bis heute“.

1952 wird Leutewitz Saatzuchthauptgut mit vorwiegend erhaltungszüchterischen Aufgaben. 1965 Beginn von Neuzüchtungsarbeiten bei Gräsern (Frau Dr. Schütze). 1970 Neuzüchtung bei Wintergerste (Dr. Herrmann). 1978 wird Leutewitz Hauptzuchtstation für Wintergerste und Gräser des VVB Saatgut; umfangreiche Investitionen (Gebäude, Gewächshäuser). 1988 Beginn eines Biotechnologie-Gebäudes, bis zur Wiedervereinigung nicht fertig gestellt. Aktive Rolle der Saatzucht Leutewitz bei der Entwicklung der Zuchtgartentechnik in der DDR. – 1990 Beginn der Kooperation mit der IG Pflanzenzucht München. 1991 Übernahme durch die DSV Lippstadt. Erfolgreicher Aufbau der Winterweizenzüchtung nach 1990 (Herr Schlieter).

Besichtigung der neuen Saatgutaufbereitungs- und Lagerhallen, der Gewächshäuser und Aufbereitungsräume für Zuchtmaterial, der Demonstrationsfläche Getreide und des sorgfältig restaurierten Gutshofes.

Anlässlich des gemeinsamen Abendessens der Teilnehmer im Hotel „Goldener Löwe“ in Meißen übergab Dr. Junghans eine gerahmte Reproduktion der „Leutewitzer Runkelrübe“ an Herrn Dr. Steiger. In den 1920er Jahren hatte der Werbephotograph und -zeichner Hansen für die KWS farbige Darstellungen aller Futterrübensorten gefertigt. Aber von der „Leutewitzer“ blieb nur eine photographische Schwarz-Weiß-Platte erhalten, von der Dr. Junghans das übergebene Bild reproduzieren ließ.

Arbeitssitzung der AG am 23.6., 8:30 bis 10:30 Uhr im Hotel „Goldener Löwe“ (Leitung Dr. A. Meinel).

Personalia: Prof. Röbbelen informiert: Die Mitglieder der AG Herr Rudolf Benary und Freiherr Grote haben ihr Ausscheiden aus Alters- bzw. Gesundheitsgründen mitgeteilt. Mit ihren Grüßen an alle Teilnehmer haben sich für diese Tagung als verhindert gemeldet: Herr Dipl. H. Baudis, Prof. R. Steuckardt, Dr. W. Baier, Dipl. M. Hortig und Prof. W. Hondelmann.

Verschiedenes: Dr. Stein weist auf ein Buch für historisch Interessierte hin: „Familie Mette – Quedlinburg am Harz. Eine Geschichte zur Entwicklung der Saatzucht in Deutschland seit 1784“, aufgezeichnet von Hans-Jürgen Vogler, Habsburgstr. 14, CH 3006 Bern, Dezember 2005, 158 Seiten incl. Abbildungen, Preis € 40,00 (!). Bezug durch Immobilienbüro Dr. Drewes, Brühlstr. 1, 06484 Quedlinburg.
Als sehr informativ und lesenwert erschien inzwischen die Dissertation von Thomas Wieland: „Wir beherrschen den pflanzlichen Organismus besser, …“, Wissenschaftliche Pflanzenzüchtung in Deutschland, 1889-1945. Deutsches Museum, München. 271 S., € 25,00. Bezug: GPZ-Sekretariat.

Dr. Stein empfiehlt überdies einen Besuch in dem zu einem Hotel ausgebauten ehem. Stammsitz der Familie von Kameke in Streckenthin [Hotel Bursztynowy Palac, Strzekęcino 12,
PL-76 024 Świeszyno. Tel.: +48 (094) 31 61 227. Fax: +48 (094) 31 61 442.
eMail: recepcja@bursztynowypalac.pl
Internet: www.hotel.bursztynowy-palac.pl

Biographisches Lexikon: Prof. Röbbelen erhielt seit Abschluss der 3. Folge des Lexikons bereits weitere 30 Eintragungen (vorwiegend von Dr. Reiser), die einen Ergänzungsdruck in absehbarer Zeit nahe legen. Dementsprechend bittet er alle Mitglieder um Weiterführung einschlägiger Recherchen, insbesondere um Mitteilung jedweder relevanten Information (Jubiläen, Laudationes, Auszeichnungen, Nachrufe u.a.m.) an seine Adresse. Die Einrichtung eines „Biographischen Briefkastens“ (z.B. im Haus der Pflanzenzüchtung“ in Bonn) wird von ihm weiter verfolgt.

Pflanzenzüchtung in Deutschland – 100 Jahre GFP e.V.: Prof. Röbbelen verteilt eine Übersicht über den derzeitigen Bearbeitungsstand: 28 Beiträge liegen druckfertig vor, 12 Beiträge sind bei den Autoren in Revision, 13 Autoren haben noch nichts vorgelegt, sind jedoch „an der Arbeit“. Für 5 Beiträge werden Autoren noch gesucht. Insbesondere fehlen Informationen über die Zeit des Neuanfangs in Westdeutschland nach dem Kriege zwischen 1945 und 1956 (Jahr der Wiedergründung der GFP) sowie Beispiele für nationale und internationale Kooperationen von Zuchtbetrieben/Züchtern in den letzten 50 Jahren.

Prof. Röbbelen bittet alle Autoren, die noch ausstehenden Beiträge bis spätestens Ende September d.J. fertig zu stellen. Im Oktober möchte die GFP beginnen, auf der Grundlage des Gesamttextes die rd. 100seitige Festschrift „im Hochglanzformat“ in Angriff zu nehmen. Gleichzeitig will die GPZ anhand des umfassenden Gesamttextes, dessen Veröffentlichung in den „Vorträgen für Pflanzenzüchtung“ vorgesehen ist, mit der Erarbeitung der bewertenden Gesamtschau im Abschlusskapitel (19) beginnen unter der Überschrift „Auf und Ab in der gesellschaftlich/politischen Wahrnehmung der Agrarwirtschaft und Pflanzenzüchtung in Deutschland im vergangenen Jahrhundert“. Als Ausgangspunkt hierfür ist ein eintägiges Rundgespräch zwischen hochkarätigen Experten aus verschiedenen, einschlägigen Disziplinen vorgesehen, dessen Ergebnis die Zusammenfassung der Monographie in diesem Schlusskapitel wesentlich mitbestimmen soll.

Anregungen zu Details der Darstellung geben Dr. Kley (Berücksichtigung der Rolle von Backe und Strasser, die staatliche Förderung der Pflanzenzucht in Deutschland im Rahmen der „Erzeugungsschlacht“ bis 1945 sowie die entscheidende Mitwirkung von Dr. K.H. Römer, erster BSA-Präsident, und Dr. Büttner als Rechtsberater für die Pflanzenzüchtung der BRD in der frühen Nachkriegszeit), Dr. Bätz (Kooperationsbeispiel Kartoffelzüchter) und Dr. Ahlheim (der die Protokolle der Sortenausschuss-Sitzungen auf generell interessante historische Daten der Nachkriegszeit durchsehen will).

Vorschläge für die nächstjährige Tagung: Dr. Meinel erinnert an die Einladung der Fa.
Benary, die im Vorjahre ausgesprochen wurde und die Dr. Kley ausdrücklich unterstützt. Prof. Röbbelen schlägt im Hinblick auf die GFP-Schrift ggf. als Ort Hannover (das BSA) oder auch Göttingen (und Einbeck) als Tagungsort 2007 vor.

Stadtführung Meissen: Die begleitenden Damen hatten am Morgen bereits mit der Stadtführerin Frau Selzer die Porzellan-Manufaktur besichtigt. Nach der Geschäftssitzung der AG setzten alle Teilnehmer gemeinsam die Stadtführung durch die vom 2. Weltkrieg weitgehend verschonte Altstadt fort und lauschten beim Aufstieg zur Albrechtsburg dem Porzellan-Glockenspiel der Frauenkirche: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre …“. Mit einem Dank an alle Akteure und einem herzlichen „Aufwiedersehen“ vor dem Dom endete die Tagung.

(A. Meinel, Heimburg)