14. AG-Tagung im Department für Nutzpflanzenwissenschaften, Universität Göttingen, und bei der Ernst Benary Samenzucht, Hann.Münden 3./4. Mai 2007 in Göttingen und Hann.Münden

– 52 Teilnehmer –

Organisation:
Prof. Gerhard Röbbelen, Göttingen

Leitung:
Dr. A. Meinel, Heimburg, und Dr. H. Graf v.d. Schulenburg, Salzuflen

 Nach einem gemeinsamen Mittagessen der Tagungsteilnehmer in der Klinik-Mensa der Universität Göttingen diente der erste Teil des Treffens einer öffentlichen Vortragsveranstaltung im Hörsaal in der Von-Siebold-Straße, in dem Graf von der Schulenburg rd. 120 Zuhörer im Namen der GPZ begrüßen konnte. Unter dem Generalthema

„Göttingen seit 1767 (1857) Standort von Lehre und Forschung für die Landwirtschaft“

erinnerte Prof. Wolfgang Böhm als erster Redner an zwei historische Daten:

Im Wintersemester 1767/68 hielt der soeben nach Göttingen berufene Johann Beckmann (1739-1811) hier die erste Vorlesung über Landwirtschaft. Weit über Göttingen hinaus wurde Beckmann bekannt durch sein erstmals 1769 erschienenes Lehrbuch „Grundsätze der deutschen Landwirtschaft“, das bis 1806 sechs Auflagen erlebte und in dem er das damalige landwirtschaftliche Wissen systematisierte, klassifizierte und versuchte, aus der Alltagssprache der Landwirte eine wissenschaftliche Terminologie zu entwickeln.

Parallel zu diesen Kameralwissenschaftlern, die an den Universitäten Vorlesungen über Landwirtschaft hielten, betätigten sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zahlreiche gebildete Landwirte als so genannte „Experimentalökonomen“. Sie legten Feldversuche an und veröffentlichten deren Ergebnisse in zum Teil umfangreichen Büchern. Einige dieser Landwirte gründeten private Schulen, so in Celle 1802 Albrecht Daniel Thaer (1752-1828). Aber seine Bemühungen, seinen landwirtschaftlichen Lehrkurs nach Göttingen zu verlegen und dort ein landwirtschaftliches Institut zu begründen, scheiterten nicht zuletzt auch am Widerstand Johann Beckmanns. Erst den zunehmenden Forderungen der landwirtschaftlichen Provinzialvereine im Königreich Hannover gelang es, dass 1848 ein solcher landwirtschaftlicher Lehrkurs auch an der Universität Göttingen eingerichtet wurde. Dessen organisatorische Leitung oblag der Direktion von mehreren Professoren, zu denen auch Friedrich Griepenkerl (1826-1900), ein Schüler Justus von Liebigs, gehörte.   Ihm diente das vor den Toren Göttingens gelegene Klostergut Weende als Demonstrations- und Musterbetrieb. Dieser wurde, dem Zeitgeist folgend, 1857 in „Königlich Hannoversche landwirtschaftliche Akademie zu Göttingen-Weende“ umbenannt. Noch im selben Jahre beschloss die Königliche Landwirtschafts-Gesellschaft zu Celle, ihre landwirtschaftliche Versuchstation unter der Leitung von Wilhelm Henneberg (1825-1890), vormals Sekretär der Celler Landwirtschafts-Gesellschaft, nach Weende zu verlegen. Mit Hennebergs grundlegenden Arbeiten zur Futtermittelbewertung erlangte die Weender Versuchsstation weit über die Landesgrenzen hinaus internationales Ansehen. Aber auch an der Universität Göttingen entwickelte sich aus diesen Anfängen die landwirtschaftliche Ausbildung geradlinig weiter, wie Prof. Böhm fortführend berichtete.

Danach rückten vier weitere Göttinger Professoren in ihren Vorträgen die anschließenden Perioden der Pflanzenzüchtung an diesem Ort in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen:

Gerhard Röbbelen: Von Otto Beseler bis August Lohmann – Pflanzenzüchtung im Klostergut Weende – 1890-1945 (1970).

Gerd Kobabe: Von Kurt von Rümker bis Arnold Scheibe – Pflanzenzüchtung im (Landwirtschaftlichen) Institut der Universität – 1889-1970.

Bernward Märländer: Das Institut für Zuckerrübenforschung an der Universität Göttingen – Public Private Partnership seit 1947.

Heiko Becker: Pflanzenzüchtung an der Universität Göttingen – Die letzten 3 ½ Jahrzehnte.

Alle Vorträge sollen in absehbarer Zeit in der GPZ-Reihe „Vorträge für Pflanzenzüchtung“ gedruckt verfügbar gemacht werden.

Während der Zeit der Vortragsveranstaltung waren die begleitenden Damen der Teilnehmer der freundlichen Einladung von Frau Dr. Röbbelen zu einem Teestündchen in den Tuckermannweg gefolgt.
Am Abend des ersten Tages fuhren alle Tagungsteilnehmer nach Hann.Münden, wohin die Firma Ernst Benary Samenzucht zur Besichtigung ihrer „Pack Trial“-Blumenschau eingeladen hatte. Hier eröffnete Dr. Meinel das Programm und dankte den Herren Benary sen. und jun. für die nach 10 Jahren erneute freundliche Einladung. Während der anschließenden Führung in zwei Gruppen durch die eindrucksvolle Schau der Neuzüchtungen und des gesamten Sortiments der Firma durch die Herren Benary jun. und den Zuchtleiter Dr. Mehring-Lemper standen unter anderem die folgenden züchterischen Fragen zur Diskussion:

–  Der Einfluss der „großtechnischen“ Pflanzenanzucht in spezialisierten und weitgehend automa- tisierten Jungpflanzen-Anzuchtbetrieben, die bis zu 60 ha Fläche unter Glas bewirtschaften, auf  Züchtungsverfahren und Saatgutqualität bei verschiedenen Arten;

–   Blütenbiologische und vermehrungstechnische Besonderheiten verschiedener Zierpflanzen;

– Der wissenschaftlich-technische Fortschritt auf dem Gebiet der Saatgutproduktion und -bearbeitung, wie Pillierung, Primung u.a.m.

Mit einem gemeinsamen Abendessen und Beisammensein inmitten der wunderschön arrangierten Exponate der Benary’schen Zierpflanzenzüchtungen klang der Tag aus – ein besonderes Erlebnis!
Nach Übernachtung der auswärtigen Teilnehmer im benachbarten Hotel Freizeit Auefeld traf sich die AG hier am nächsten Morgen von 8.30 bis 10.00 Uhr zu ihrer Arbeitssitzung. Dr. Meinel begrüßte insbesondere Frau Dr. G. Oettler, Hohenheim, und die Herren B. Stiller, Waldbrunn/Oberdielbach, und Dr. K. Brunckhorst, Einbeck, die zum ersten Mal an der Tagung teilnahmen, und eröffnete die Tagesordnung:

Biographisches Lexikon: Prof. Röbbelen verteilte an die Mitglieder eine Zusammenstellung von möglichen Vorlagen für eine 4. Folge (s. Anlage) und stellte die Frage, ob eine solche Fortsetzung bereits jetzt infrage komme. Es wurde beschlossen, dass jeder Teilnehmer an ihn in den nächsten 4 Wochen eine Liste schickt von potentiellen Eintragungen mit Namen der zu Behandelnden und möglichst mit denkbarem Autor. Sollten insgesamt wenigstens 100 im Wesentlichen neue Biographien zusammen kommen, soll die Arbeit in Angriff genommen werden. Aus technischen Gründen müsste die 4. Folge allerdings noch im Laufe des Jahres 2008 erscheinen!

Archivierungsfragen: Dr. Meinel unterstrich am Beispiel von Wilhelm Rimpau (1842-1903) die Notwendigkeit, eine baldige Lösung für eine professionelle Archivierung von Nachlässen bedeutender Züchter/Züchtungsforscher zu finden. Es wird beschlossen, dass die AG 9 zu diesem Thema ein Memorandum erarbeitet, für das die Herren Drs. von der Schulenburg, Meinel und Ahlheim in den nächsten Monaten einen Entwurf vorzubereiten gebeten werden. Dafür wird in der Diskussion auf folgende Details hingewiesen: Bereits staatlich archivierte Unterlagen (z.B. aus dem IfZ Quedlinburg im Landesarchiv in Magdeburg und Merseburg) sollten natürlich dort verbleiben, aber nach Möglichkeit zentral erfasst werden (Stein). Für das Bundesarchiv sind in den gesetzlichen Regelungen Kriterien für die Auswahl von zu archivierendem Material vorgeschrieben, die zu beachten sind (Ahlheim). Die positiven Erfahrungen von Prof. W. Rimpau mit dem Staatsarchiv Sachsen-Anhalts in Wernigerode im Zusammenhang mit der Archivierung von Material seiner Familie sollten als Hinweis für Archivierungsmöglichkeiten bisher ungesicherter Nachlässe benutzt werden (Meinel).

Entwicklung der Züchtung und des Samenbaus bei Futterpflanzen in Baden. Als Saatzuchtleiter der Pflanzenzucht Oberdielbach von 1963 bis 1997 berichtete Herr Stiller über die dortigen Züchtungsaktivitäten. Ausgehend von einer Arbeitsgemeinschaft für Altfränkische Luzerne und dem

Badischen Verein für Futtersaatenbau wurden hier im Jahre 1924 gemeinsame Arbeiten zum Samenbau und zur Züchtung von Futterpflanzen (Luzerne, Deutsches Weidelgras, Lieschgras, Knaulgras, Rotschwingel, Wiesenrispe, Rotklee, Schwedenklee, Hornschotenklee u.a.) begonnen. Unter der tatkräftigen, sachkundigen Leitung des in Oberdielbach aufgewachsenen Futterpflanzenzüchters Fritz Schmidt erlebte die Odenwälder Saatzucht Oberdielbach nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Entwicklung zahlreicher ertragreicher und bestens adaptierter Gräser- und Kleesorten einen überaus erfolgreichen Aufschwung und machte den Namen Oberdielbach weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Bald nach der Übernahme der Genossenschaft (zeitweise über 1000 Mitglieder) durch die Raiffeisen Karlsruhe 1992 musste die Züchtung ein-
gestellt werden. Herr Stiller hat darüber eine Dokumentation zusammengetragen, die sich im Archiv der Gemeinde Waldbrunn befindet.

Entwicklung der Pflanzenzüchtung in Deutschland – 100 Jahre GFP e.V. – eine Dokumentation.
Prof. Röbbelen informierte über den Bearbeitungsstand und die Absicht, die Dokumentation (ca. 650 Seiten) bis zum Oktober des Jahres in Druck zu geben. Das erfordert konzentrierte Arbeit an den noch ausstehenden Beiträgen (insbes. im Abschnitt V zu Wirtschaft und gesellschaftlicher Bewertung der Pflanzenzüchtung). Die Erarbeitung der eigentlichen Festschrift zum GFP-Jubiläum erfolgt durch die Agentur PUBLIK und ist hier in guten Händen. Die Druckkosten für die Dokumentation der GPZ gestatten es nicht, den beteiligten Autoren außer einer Anzahl von Sonderdrucken ihrer Beiträge je ein Freiexemplar zukommen zu lassen. Für die beteiligten Autoren wird mit einem Vorzugspreis von 25,- € / Exemplar gerechnet, was ausnahmslos akzeptiert wurde.

AG-Tagung 2008. Es wird vorgeschlagen, die Tagung unmittelbar vor oder nach der Festveranstaltung „100 Jahre GFP“ zu organisieren. Hierzu liegen uns seitens der GFP noch keine Informationen über Termin, Ort etc. vor. Falls der Ort Berlin ist, kämen für die AG als Tagungsort die Invalidenstraße 42 bzw. das Brauerei-Institut in Berlin oder auch das Leibnitz-Institut in Müncheberg/Mark infrage. Prof. Thomas erklärte sich zu Vorklärungen vor Ort bereit.
Zum Abschluss der Tagung erfolgte unter der Führung von zwei sehr sachkundigen Damen des Verkehrsamts ein Rundgang durch die seit dem Mittelalter niemals zerstörte Stadt mit ihren Bauten aus den verschiedensten Stilepochen, die den historischen Reichtum dieses Handels- und Warenumschlagsplatzes an Werra und Weser bis heute widerspiegeln. Mit einem erstklassigen Menü (zu 10 €) im Ratsbrauhaus und einem allgemeinen „Auf Wiedersehen im nächsten Jahr“ endete die Tagung.

(A. Meinel, Heimburg)