Bericht der 5. Fachtagung Arznei- und Gewürzpflanzen des Deutschen Fachausschusses für Arznei-, Gewürz- und Aromapflanzen am 7.-9. September 2004 in Jena

– 210 Teilnehmer –

Fachliche Leitung:
PD Dr. Friedrich Pank, Quedlinburg

Organisation:
Dr. A. Vetter, Dornburg

Die Tagung fand in den Räumen der Friedrich-Schiller-Universität Jena statt. An der fachlichen Gestaltung beteiligten sich die mit Arznei- und Gewürzpflanzen befassten Arbeitsgruppen der Gesellschaft für Arzneipflanzenforschung, der Gesellschaft für Pflanzenbauwissenschaften und der Gesellschaft für Pflanzenzüchtung. Die ausgezeichnete Organisation der Veranstaltung durch die Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft  als Gastgeber schaffte beste Voraussetzungen für den Austausch neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse auf diesem speziellen Sektor der Pflanzenproduktion. Unter dem Thema “Chancen und Herausforderungen einer zeitgemäßen Arznei- und Gewürzpflanzenproduktion” wurde in 31 Vorträgen und 80 Postern auf aktuelle Fragen in den Sektionen Marktentwicklung und Betriebswirtschaft, Züchtung, Erzeugung von Saat- bzw. Pflanzgut, Anbauverfahren für eine kontrolliert-integrierte Produktion und den Ökolandbau, Nacherntebehandlung und Verarbeitung, Spezielle pharmazeutische Aspekte der Arzneipflanzenproduktion und Qualitätssicherung eingegangen.

Die Ziele von Züchtungsforschung und Züchtung werden vom Umfeld bestimmt, in dem heute Arznei- und Gewürzpflanzenproduktion stattfindet: Die angestrebte Steigerung des Bedarfes an Arznei- und Gewürzpflanzendrogen ergibt sich aus dem ungebrochenen Trend zu Naturprodukten in Deutschland als einem der Länder mit dem höchsten Verbrauch, aus der Einführung neuer Arzneipflanzenarten und der Entdeckung neuer Inhaltsstoffe in traditionell genutzten Arten, aus der Erhöhung des Bedarfes ökologisch produzierter Droge und aus der Erschließung neuer Anwendungen z. B. in den Bereichen Nahrungs- und Futterergänzungsmittel, Kosmetik und natürliche Pflanzenschutzmittel. Gute Wettbewerbschancen für den heimischen Anbau ergeben sich aus einem hohen Niveau der Qualitätssicherungssysteme, den vielfältigen Aktivitäten zur Züchtung von leistungsstarken Sorten, aus der Nutzung der Ergebnisse angewandter Forschung zur Lösung von Problemen der Primärproduktion insbesondere für Inkulturnahme, Anbautechnik und Pflanzenschutz auch unter Berücksichtigung ökologischer Produktionsweisen und aus der Entwicklung technologischer Lösungen für die Produkt-Veredelung bereits in der Landwirtschaft (z.B. durch Extraktion oder Destillation). Herausforderungen für diesen speziellen Zweig der pflanzlichen Produktion sind neue Qualitätsparameter, die unter Berücksichtigung jüngster wissenschaftlicher Erkenntnisse z. B. zur biologischen Wirksamkeit von Inhaltsstoffen festgesetzt werden. Besondere Probleme bereiten dabei Kontaminanten und neuerdings als Risikosubstanzen eingestufte Inhaltsstoffe. Probleme verursachen überdies die restriktive Gesetzgebung im Pflanzenschutzmittelbereich, der zu erwartende Absatzrückgang bei Arzneipflanzen infolge der Gesundheitsreform und die hohen Produktionskosten in Deutschland verursacht z.B. durch hohe Löhne und steigende Energiekosten, sowie die Verschärfung des Wettbewerbs durch die Osterweiterung der EU.

Beiträge aus den Bereichen Züchtungsforschung und Züchtung bezogen sich u.a. auf folgende Themen: Die indikationsspezifische bioassay-gestützte Selektion ermöglicht es dem Züchter, die therapeutische Wirksamkeit von Genotypen direkt zu testen anstatt den therapeutischen Effekt indirekt anhand des Gehaltes an bestimmten Inhaltsstoffen zu beurteilen. Durch Anwendung eines geeigneten Resistenztestes und mehrerer Selektionsschritte konnten Johanniskraut-Linien entwickelt werden, die keinen bzw. einen nur sehr geringen Befall mit der Johanniskrautwelke aufwiesen. Auch gelang die Entwicklung sexueller Linien des zumeist fakultativ apomiktischen Johanniskrautes. Weniger erfolgreich war jedoch eine Auslese auf Linien, die zugleich einen hohen Hypericin- und Hyperforingehalt aufweisen. Die Kreuzung von Johanniskrauttypen mit unterschiedlicher Ausprägung der Apomixie/Sexualität und unterschiedlichen Ploidiegraden ergab, dass unterschiedliche Ploidiestufen der Eltern den Samenansatz beeinträchtigen. Die Nachkommen wiesen unterschiedliche Grade der Apomixie und Ploidie auf. Bei einem großen Anteil der Pflanzen in Thymianpopulationen treten Übergangsstufen zwischen männlich sterilen und hermaphroditischen Formen auf, die durch Blütengröße, Antheren- und Pollenmorphologie und durch die Pollenvitalität charakterisiert werden können. Durch Kreuzung von Thymus pulegioides und Thymus vulgaris entstanden spaltende Nachkommenschaften, aus denen Genotypen mit erwünschter Merkmalsausprägung ausgelesen werden können. Der Vergleich der Eigenschaften verschiedener Thymiansorten zeigte, dass sich die Ausprägung der meisten Merkmale  in Abhängigkeit vom Standjahr erheblich ändern kann.

Mittels molekulargenetischer Verfahren konnten verschiedene Subspezies der Artischocke differenziert werden. Durch Screening eines umfangreichen Petersiliensortimentes wurden Genotypen mit partieller quantitativer Resistenz gegenüber der Septoria-Blattfleckenkrankheit ermittelt, die als Ausgangspopulationen für die Züchtung resistenter Sorten dienen können. Weiterhin wurden Ergebnisse der Evaluierung zahlreicher Akzessionen von Baldrian, Echtem Sonnenhut, Grindelia spp., Johanniskraut, Kamille, Koriander, Leindotter, Oregano, Rosen und Sterculia urens vorgestellt. Durch geeignete Gestaltung des Temperaturregimes konnte die Keimung von Traubensilberkerzen-Samen gefördert werden. Die vegetative Vermehrung kann durch Bildung somatischer Embryonen rationalisiert werden. Zur Vorauswahl bei der Selektion auf hohen Ätherischöl-Ertrag des Bohnenkrautes empfiehlt sich die Beschränkung auf Pflanzen mit großem Buschdurchmesser. Durch wiederholte Selektion bei Infektion durch einen Spreader im Freiland konnte die Mycosphaerella-Resistenz ausgewählter Fenchel-Populationen deutlich gesteigert werden. Die Organogenese von Borretschkalli auf der Basis von Petiolen gelang mit einer geeigneten Hormonkombination. Wesentlich schwieriger erwies sich die Embryogenese. Die molekulare Klassifizierung von Arten der Gattung Allium ergab zahlreiche neue Erkenntnisse bezüglich der verwandtschaftlichen Beziehungen. In einer spaltenden F2-Generation der Kreuzung von Majoran und Dost konnten Einzelpflanzen mit Hilfe von Mikrosatelliten-DNA-Sequenzen unterschieden werden. Es wurden die optimalen Bedingungen für die in vitro-Vermehrung von Italienischem Currykraut ermittelt.

Den Tagungsteilnehmern wurde Gelegenheit gegeben, den Botanischen Garten der Stadt Jena zu besuchen und sich im Thüringer Zentrum Nachwachsende Rohstoffe der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft in Dornburg mit Arbeiten zur Extraktion und Destillation bekannt zu machen. Exkursionen führten zur Pharmaplant GmbH Artern, die vorwiegend im Auftrage von Pharma-Unternehmen Untersuchungen zur Inkulturnahme, Herkunftsprüfung, Anbauoptimierung, Nacherntetechnologie und Neu- und Erhaltungszüchtung durchführt; weiterhin zur Agrargenossenschaft Nöbdenitz e.G., wo seit vielen Jahren Arznei- und Gewürzpflanzen großflächig angebaut werden und alle erforderlichen Spezialausrüstungen vorhanden sind. Einen Einblick in die Verarbeitung bekamen die Tagungsteilnehmer in der Kräutermühle Kölleda und bei der Firma Goldmännchen Tee in St. Gangloff (D).
Kurzfassungen der Vorträge und Poster werden in einem Tagungsband gedruckt, der beim Tagungsbüro (c.ormerod@dornburg.tll.de) bestellt werden kann. Ausgewählte Beiträge werden als wissenschaftliche Originalarbeiten in der Zeitschrift für Arznei- & Gewürzpflanzen veröffentlicht werden

(F. Pank, Quedlinburg)