Bericht der Vortragstagung der AG Kartoffelzüchtung und Pflanzguterzeugung 21./22. November 2007 in Göttingen

– 75 Teilnehmer –

Organisation und Leitung:
Dr. H.-R. Hofferbert, Ebstorf

Diese Wintertagung war mit 12 interessanten Vorträgen und intensiven Diskussionen im Plenum oder auch in persönlichen Zirkeln in Pausen oder beim abendlichen Beisammensein im Göttinger Ratskeller ein erneut lohnendes Ereignis.

Die ersten vier Vorträge betrafen den Phytophthora-Befall der Kartoffelbestände angesichts der ungewöhnlichen Witterung im abgelaufenen Jahr 2007. H. Hausladen, Freising, berichtete von den Erfahrungen in Süddeutschland: Nach dem hohen Befall im Vorjahr 2006 war latenter Befall des Pflanzgutes zu erwarten. Aber nicht dieser, sondern die vorherrschende Bodenfeuchte war für die Ausbreitung der Phytophthora in den Beständen bestimmend. Letztendlich führte der kühle Juli im Süden jedoch zu relativ wenig Befall, – sofern man mit den Spritzungen rechtzeitig begonnen hatte; denn alle Phytophthora-Fungizide wirken nur präventiv und nicht kurativ.

Das war denn auch, wie K. Osmers, Meppen, vortrug, vielerorts das besondere Problem in Norddeutschland. Das Frühjahr war ungewöhnlich warm, so dass hier die erste Spritzung am 30. April bereits zu spät lag und auch die systemischen Wirkstoffe die Pflanzen nicht mehr gesund halten konnten. Bei geeigneter Spritzfolge waren 2008 die Erträge aber hoch. Gegen Metalaxyl hat der Pilz Resistenz aufgebaut, wozu Kartoffeldurchwuchs beitrug. Dennoch ist mit drei neuen Fungiziden die Mittelpalette insgesamt als gut zu bezeichnen.

Die Entwicklung der Phytophthora-Fungizide im historischen Ablauf von der anorganischen Bordeaux- (Kupfer-)Brühe über organische Mittel (wie Maneb) bis zu den systemischen Wirkstoffen skizzierte K. Buhr, Syngenta Agro, Maintal. Im Jahre 2007 erlebte Mitteleuropa eine Phytophthora-Epidemie ungewöhnlicher Intensität; im Mittel waren 11 Spritzungen erforderlich (2006 waren es 7). Für die Entwicklung neuer Wirkstoffe explodieren derzeit der Chemischen Industrie die Kosten (je Produkt 200 Mio €). Dazu trägt auch die Revision der EU-Richtlinie zum Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln bei, die eine zonenweise Anerkennung (maritime, mediterrane Zone, Nordost, Südost u.ä.) und gefahrenbezogene Ausschlusskriterien vorsieht (Toxicität wird nicht mehr toleriert):  3. Lesung 2009.

Im ökologischen Kartoffelanbau untersuchte Ch. Bruns, Witzenhausen, die Ertragsrelevanz von Phytophthora-Befall. Nur in 3 von 7 Beständen war sie gegeben. Positiv wirkten Vorfrüchte wie Kleegras, Weizen oder Hafer, auch Vorkeimen oder frühe Sorten. Wenn Knollen schon vor Befallsbeginn gebildet waren, blieb der Ertragsabfall gering. Wichtig ist eine Begrenzung des N-Angebots. Wenn noch 60 % der Blattfläche gesund ist, ist weiterer Ertragszuwachs möglich.

Im ökologischen Anbau kann mehrjähriges Kleegras oder auch schon Winterweizen als Vorfrucht, wie Frau U. Schepl, Witzenhausen, berichtete, zu verstärktem Drahtwurmbefall führen. Schäden ergeben sich nicht nur durch die Fraßgänge (Löcher in der Schale!), sondern oft auch durch nachfolgenden Rhizoctonia-Befall. Bekämpfen lässt sich der Schnellkäfer mittels Pheromonfallen (in 100 Fallen wurden 35.000 Käfer gefangen!). Der Drahtwurm könnte durch intensive Bodenbearbeitung gestört (reduziert?) werden. Er wird (nach Prophyta im Labor) durch das entomopathogene Metarhizium parasitiert; aber im Freiland sind diesbezügliche Erfolge noch nicht bekannt.

Suppressive Komposte aus Rinden oder holzreichem Grüngut können nach Ch. Bruns, wenn sie im ökologischen Anbau in Reihen um die Knolle abgelegt werden, die Gesundheit bezüglich Rhizoctonia deutlich verbessern.
Abschließend zum ersten Halbtag der Tagung erinnerte Herr Haase, Detmold, dass die FAO 2008 zum „Jahr der Kartoffel“ erklärt hat. Diesem Motto wird auch die 3. Jahrestagung der EAPR in Rumänien vom 6.-10. Juli 2008 gewidmet sein. Zuletzt zeigte Frau Dr. I. Wulfert, Rostock, von der Tagung der EAPR-Sektion Virologie 2007 in Schottland einen Film, mit dem der Verband der Kartoffel-Pflanzguterzeuger Schottlands? einem breiten Publikum seine Produktion und Vermarktung hochwertiger Pflanzkartoffeln in höchst eindrucksvoller und kompetenter Weise vorstellte.

Am zweiten Halbtag eröffnete B. Niere, BBA Münster, die Reihe der Vorträge mit Hinweisen zur neuen Bekämpfungsrichtlinie Kartoffelzystennematoden, in der der Sortenresistenz eine wichtige Bedeutung zugewiesen wird.

Das Blattrollvirus, mit dem um 1970 in Niedersachsen rd. 60 % aller Bestände infiziert waren, wurde nach V. Zahn, Hannover, 2006 nur noch in 2 % der Felder nachgewiesen. Beunruhigend ist, dass sich dieses Virus wieder ausbreitet, ohne einen Phänotyp auszubilden! Symptomlose Pflanzen besitzen das Virus, in dem nur eine einzige Aminosäure verändert ist.

Frau Dr. Wulfert berichtete Einzelheiten von der oben erwähnten EAPR-Virologen-Tagung: Mit Pflanzgut wurden Viren neuerdings aus Europa nach Australien eingeschleppt. Die Welterwärmung führt zu einem deutlich früheren Auftreten der Vektoren und trägt auch zur Resistenzentwicklung bei. Für die Qualitätssicherung (ISO) bedeutet der Virusnachweis mit PCR einen wichtigen Fortschritt: Statt 6-8 Wochen beim Elisa-Stecklingstest braucht der molekulare Nachweis nur 1-5 Tage.

Vom Deutschen Kartoffelhändlerverband e.V., Bonn, informierte D. Tepel über die freiwillige Vereinbarung der deutschen Kartoffelwirtschaft: „Qualitätsoffensive Festschaligkeit“. Insbesondere zu Saisonbeginn schwächt Losschaligkeit die Konkurrenz der einheimischen Produktion gegenüber den importierten Frühkartoffeln. Wenn Festschaligkeit erst 3 Wochen nach Krautabtötung erreicht werden kann, bedeutet das 15 dt weniger Ertrag bzw. niedrigeren Preis und deutliche Qualitätsmängel. Hier ist Sortenzüchtung vordringlich!

G. Tiedemann, Kiel, berichtete über Sortenwahl und Anbausituation in einer Anbauregion mit starker (80 %) Direktvermarktung. Neben 1.900 ha Pflanzkartoffeln (in der Marsch an der Westküste) erzeugt Schleswig-Holstein 3.200 ha Speisekartoffeln, für deren Qualität gilt: „Die Menschen von heute wünschen sich das Leben von übermorgen zu dem Preisen von vorgestern“.

Ein zunehmendes Problem bei der Kartoffellagerung ist die Keimhemmung. Einen historischen Überblick über die zahlreichen Verfahren gab R. Peters, Dethlingen, von der Maleinhydrazidspritzung zur Blütezeit, der Puderung (Tixit neu) bei privater Einkellerung bis zur Flüssig- oder Heißnebel-Behandlung, zu der in Zukunft u.U. auch eine Kaltvernebelung denkbar ist. Für letztere Methoden sind alle Mittel CIPC-Derivate, von denen jedoch zurzeit nur noch ein einziges zugelassen ist. Neu sind Mittel auf Basis Ethylen, das aber nur zu temporärer Keimhemmung führt, oder ätherische Pflanzenöle von Pfefferminze (Mitobar) oder Kümmel.

Abschließend dankt der Vorsitzende, Dr. Hofferbert, allen Rednern, insbesondere aber seinem langjährigen Stellvertreter, Herrn Peters, der mit dieser Tagung sein Amt an Herrn Ing. agr. Adolf Kellermann, LfL Freising, übergeben hat.

(G. Röbbelen, Göttingen)