Bericht der Vortragstagung der AG Kartoffelzüchtung und Pflanzguterzeugung am 22./23. November 2006 in Göttingen

– 75 Teilnehmer –

Organisation und Leitung:
Dr. H.-R. Hofferbert, Ebstorf

 Nach der Begrüßung der Teilnehmer durch den Vorsitzenden, Herrn Dr. Hofferbert, ging es in den ersten beiden Vorträgen um die neuen Strukturen im agrarwissenschaftlichen Bereich der Universität Göttingen. Frau Prof. Pawelzik stellte die Potentiale in Lehre und Forschung des zum Jahresbeginn 2006 aus sieben Instituten neu gebildeten Departments für Nutzpflanzenwissenschaften vor. Das in 13 Abteilungen gegliederte Department sieht seine Hauptaufgabe in der Koordinierung und Weiterentwicklung von Lehr- und Forschungsaktivitäten sowie der Umsetzung gemeinsamer Lehrveranstaltungen, wie z.B. dem Modul „Kartoffelproduktion“. Ergänzend dazu stellte Frau Dr. Kreykenbohm die aktuellen Studienabschlüsse Bachelor und Master im Bereich Agrarwissenschaften vor. Der Studienabschluss Bachelor ist nach 6-8 Semestern zu erreichen, wobei neben dem Grundlagenstudium in der zweiten Hälfte einer von fünf Studienschwerpunkten vertieft wird. Beim Nachweis entsprechender Leistungen kann sich in 2-4 Semestern die modular aufgebaute Master-Ausbildung anschließen. Zudem wurde in Göttingen die Promotion in einen dreijährigen Promotionsstudiengang eingebettet, der außer der wissenschaftlichen Arbeit auch den Besuch von Seminaren und Praktika beinhaltet.

Über die Aufgaben und Zielsetzungen der Förderungsgemeinschaft der Kartoffelwirtschaft als neuem Träger der Versuchsstation Dethlingen berichtete deren Vorsitzender, Herr Dr. Winkelmann, Munster. Die Zusammenarbeit der Förderungsgemeinschaft mit den staatlichen und privaten Finanzierungspartnern sowie der LWK Niedersachsen bietet die Voraussetzungen für eine Fortführung der aktuell auf die Schwerpunkte Lagerung und Aufbereitung konzentrierten Forschungsarbeiten am Standort Dethlingen. Zukünftige Ziele sind eine langfristigere Absicherung der Versuchsstation sowie deren finanzielle und personelle Stärkung zum Wohle der gesamten Kartoffelwirtschaft.

Auf der Grundlage eines Gewässermonitoring von 1997-2005 berichtete Frau Retzer, LfL Bayern, Freising, über das Vorkommen von Ralstonia solanacearum (Rs) in Oberflächengewässern Bayerns. In nur 9 von über 70 Gewässern wurde Rs punktuell oder abschnittsweise gefunden; einige Gewässerabschnitte sind jedoch auch dauerhaft belastet. Hier besteht eine enge Verbindung zum Auftreten des Bittersüßen Nachtschattens im Uferbereich. Als Gegenmaßnahmen wurden ein allgemeines Beregnungsverbot von Kartoffeln aus Oberflächengewässern sowie eine Intensivierung der Beratung der Landwirte umgesetzt. Herr Dr. Darsow, BAZ, Groß Lüsewitz, stellte die Ziele und Ergebnisse des „Eucablight“ Projektes vor, das als EDV-basiertes Phytophthora-Netzwerk zu harmonisierten Untersuchungs- und Bewertungsmethoden in Europa führen soll. Die angestrebte Vereinheitlichung hat mit der Homepage www.eucablight.org eine praktikable Grundlage, die aber noch stärker in die nationalen Versuchsarbeiten integriert werden muss.

Frau Dr. Benker, LfL Bayern, Freising, konzentrierte sich bei ihren Ausführungen zur Krautfäulebekämpfung im ökologischen Kartoffelanbau auf die Projektergebnisse aus zwei Jahren ÖKO-SIMPHYT. In den Jahren 2005/06 hatte das Modell den Infektionsverlauf zuverlässig prognostiziert und eine Optimierung bzw. Minimierung der Cu-Aufwandmenge ermöglicht. Auch im ökologischen Anbau zeigte sich die Bedeutung der Bodenfeuchte für den Stängelbefall, wobei eine Cu-Beizung des Pflanzgutes einen positiven Effekt auf den Befallsverlauf im Bestand und Lager hatte. In einem Übersichtsvortrag fasste Herr Dr. Darsow den Stand des jahrzehntelangen Pre-Breeding bei Kartoffeln am Institut für Landwirtschaftliche Kulturpflanzen der BAZ in Groß Lüsewitz zusammen. Diese Vorzüchtung führte zu Erzeugung immer günstigerer Vererber für eine quantitative Phytophthora-Resistenz, die bereits in der praktischen Kreuzungsarbeit der Züchter eingesetzt werden. Dabei konnte die Kombinierbarkeit quantitativer Kraut- und Braunfäuleresistenz mit allen weiteren züchterisch erwünschten Merkmalen nachgewiesen werden. Neben der Kraut- ist auch der Braunfäuleresistenz wieder eine höhere Aufmerksamkeit zu schenken und gilt es, gezielte Prüfungen durchzuführen. Um die Dauerhaftigkeit der quantitativen Phytophthora-Resistenz zu nutzen, ist auch in Zukunft eine Erzeugung verbesserter Resistenzvererber durch die BAZ unerlässlich.

Die Fortschritte in der Resistenztestung von Kartoffeln gegenüber Tobacco rattle virus (TRV) stellte Herr Prof. Varrelmann, Göttingen, vor. Durch die Entwicklung eines Avirulenzgenproduktes ist ein schneller Resistenztest zur Selektion von TRV resistenten Genotypen möglich. Am Verhalten der Sorte ‘Bintje’ wird aber noch weiterer Forschungsbedarf deutlich, da nicht alle Sorten auf dieses Avirulenzgenprodukt auch mit Resistenzreaktionen reagieren. Frau Dr. Lindner, BBA, Braunschweig, machte an Hand der Ergebnisse aus einem Ringversuch zum PVYN-Wilga mit den Pflanzgutanerkennungsstellen der Länder in den Jahren 2002 und 2003 deutlich, dass PVYNW neben PVYNTN als vorherrschender PVY-Stamm in Deutschland vorkommt und auch in anderen europäischen Ländern weiter verbreitet ist. Die Blattsymptome sind jedoch insbesondere bei leichtem Befall nicht immer sichtbar ausgeprägt, so dass der Einsatz zusätzlicher Nachweisverfahren (ELISA, PCR) sinnvoll erscheint.

Einen Überblick über die Harmonisierung der Pflanzkartoffelzertifizierung in der EU gab Herr Dr. Erbe von der LALLF MV in Rostock. Neben der deutschen Pflanzkartoffelverordnung sind die EG- und UNECE-Standards vor allem für den Export von Pflanzkartoffeln von Bedeutung und beinhalten z. T. höhere Qualitätsanforderungen. Zudem gelten auch in einigen europäischen Nachbarländern höhere Standards, so dass Deutschland im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit die Pflanzkartoffelverordnung in einigen Punkten modifizieren sollte. Über die Sortenempfehlungen in der Schweiz vor dem Hintergrund der Acrylamid-Problematik berichtete Herr Dr. Hebeisen, Agroscope, Reckenholz/CH. Für die Rohstoffqualität ist die Sortenwahl wichtiger als die Jahreswitterung und der Standort, und auch die unterschiedliche N-Versorgung hat keinen Einfluss auf die Acrylamidgehalte der Fertigprodukte. Vor diesem Hintergrund werden die Acrylamid-Untersuchungen mit neuen Verarbeitungssorten fortgeführt und auch Speisesorten mit in die Tests einbezogen. Zudem könnten Speisekartoffeln in der Schweiz zukünftig wärmer gelagert werden, wenn sich die humantoxikologische Beurteilung von Acrylamid verschärfen sollte.
Die vielen theoretischen Vorteile einer optoelektronischen Sortierung waren nach Aussage von Herrn Dr. Maly für die Friweika e. G., Weidensdorf, ein wichtiger Grund, um sich in eigenen Vergleichsversuchen mit der optoelektronischen Aufbereitung von ungeschälten Kartoffeln zu beschäftigen. Grundlegende Voraussetzungen für eine gute Arbeitsqualität aller drei untersuchten Maschinen waren Kartoffelpartien, die vorfraktioniert wurden, keine Beimengungen besaßen sowie sauber und tropffrei waren. Zudem hatten sich ein Polieren der Knollen vor der optoelektronischen Sortierung und eine partienbezogene Anpassung des Durchsatzes als vorteilhaft erwiesen. Im abschließenden Vortrag ging Herr Dr. Peters, Versuchsstation Dethlingen, auf die Ursachen der Qualitätsprobleme bei den Kartoffeln aus dem Anbaujahr 2006 ein. Die hohen Temperaturen im Juli waren Auslöser für ein neuerliches Wachstum der Knollen, das sich bei der Ernte in Zwiewuchs oder Kindelbildung widerspiegelte. Die z.T. sehr hohen Niederschläge im August begünstigten das sekundäre Wachstum der Knollen und erhöhten zugleich auch den Infektionsdruck durch Erwinia und Phytophthora stark. Durch das Fehlen ausreichend kühler Nächte im September und Oktober konnte das Entwicklungspotential der Erreger nicht ausreichend begrenzt werden, so dass eine Vielzahl von Partien mit Nassfäuleschäden kurzfristig wieder ausgelagert werden mussten.

(R. Peters, Dethlingen)