Bericht des Treffens der AG 16: Gemüse am 27./28. August 2003 in Marne

– 23 Teilnehmer –

Organisation:
Dr. H. Löptien, Marne

In Dithmarschen, der Region Schleswig-Holsteins im Winkel zwischen Elbe und Nordsee, hat Kohlanbau seit über 100 Jahren Tradition. Nach dem 2. Weltkrieg schlossen sich in diesem Gebiet rd. 100 Kohlanbauer zur Gemüse-Zucht-Genossenschaft (GZG) Marne zusammen, um Erzeugungs- und Absatzprobleme gemeinschaftlich zu lösen. So wurden die Warmwasserbei-zung gegen Phoma, eine sortenreine Saatgutproduktion und effektive Saatgutaufarbeitung eingeführt. Als erster Züchter der GZG begann Herr Dr. Meyer mit der Entwicklung von Syn-thetischen Sorten. Als um 1970 andernorts bereits Hybridsorten im Vormarsch waren, ent-schied man sich in Marne, das vorhandene leistungsfähige Synthetische Zuchtmaterial fortzu-führen, zumal Hybridsaatgut zu teuer erschien. Um 1980 war jedoch die Umstellung überfäl-lig und es wurde ein großes Hybridzüchtungsprogramm begonnen, das schnell zu ersten Er-folgen führte.

1991 wurde die Genossenschaft in eine AG umgewandelt. Einen Anteil derselben erwarb die Fa. Sperling, Lüneburg, die ihn jedoch 1999 an den holländischen Gemüsezüchter Rijk Zwaan BV wieder veräußerte. Zugleich wurde die Zuchtabteilung von Sperling (mit ihrer Leiterin Frau Dr. M. Rauber) an die GZG überführt und der Betrieb in Marne aus der Innenstadt an den Stadtrand in Marne ausgelagert, wo im Jahre 2002 ein modernes Gebäude mit Gewächs-häusern (6.000 m2) errichtet werden konnte. Weitere Häuser für die Jungpflanzenanzucht und die Übersommerung der Samenträger sowie Kühllager für die Lagerfähigkeitsprüfung der Linien und Hybriden sind für die nächsten Jahre in Planung. Derzeit sind in der GZG Saaten AG 35 ständige Arbeitskräfte tätig, zusätzlich saisonal zahlreiche Hilfskräfte aus der Region mit z. T. langjähriger einschlägiger Erfahrung. Für den Saatgutvertrieb der Marner Sorten weltweit sorgt die Rijk Zwaan BV; zurzeit sind es 34 eingetragene Kopfkohlsorten.

Das heutige Züchtungsprogramm in Marne hat die unterschiedlichsten Klimazonen zu berück-sichtigen. Es werden daher auch Prüfstationen in Polen, Ungarn, der Türkei und Spanien für die Selektion genutzt. Die Hybridzüchtung basiert auf Selbstinkompatibilität (SI) bzw. zu-nehmend auf der Ogura-CMS. Inkompatible Linien werden über Knospenbestäubung von Hand und in großem Maßstab in Isolierhäusern durch Insektenbestäubung und CO2-Begasung (ca. 5% über Nacht alle 2-3 Tage) vermehrt. Eine intensiv betriebene Resistenzzüchtung rich-tet sich in Marne vor allem gegen die Schwarzadrigkeit des Kohls, die durch das Bakterium Xanthomonas campestris pv. campestris hervorgerufen wird. Eine andere wichtige Krankheit, an der gearbeitet wird, wird durch den Bodenpilz Fusarium oxysporum f. sp. conglutinans verursacht.

Vorstehendes ist nicht mehr als eine fragmentarische Andeutung der thematisch sehr detail-lierten Information, mit der Dr. Löptien das Vortragsprogramm eröffnete und die in vielen Rückfragen das große Interesse der Teilnehmer erkennen ließ: nach Verfahrensweisen sowie Vor/Nachteilen der SI vs. CMS-Züchtung, Mikrosporenkultur und DH-Linien-Verwendung, morphologischen und Leistungs- (Lagerkohl) sowie Qualitätsmerkmalen (Zucker-, Vitamin C u. a. Inhaltsstoffe) etc. Ein Rundgang durch die Gewächshäuser sowie über eines der drei Ver-suchsfelder im Umkreis von Marne schloss sich an. Vor allem die Feldbesichtigung veran-schaulichte in einer kaum vorstellbaren Formenmannigfaltigkeit, die sich in den zahllosen Linien insbesondere nach DH-Einsatz manifestierte, dass der Kohl vom Menschen über mehr als 2 Jahrtausende domestiziert wurde und in Marne von der so entstandenen und züchterisch immer wieder auch neu induzierten genetischen Variabilität intensiv Nutzen gezogen wird.

Zu den besonderen Eindrücken zählte am Abend ein Blick über den Deich auf die Salzwiesen im Vorland der Nordsee. Die Nähe zur See sowie die schweren Böden der Dithmarscher Marsch ergeben die günstigen Standortbedingungen für den Kohlanbau in dieser Region. Daß die Teilnehmer auf dem nahen Elbdeich im Restaurant „Strandhalle“ von der GZG sogar zu einem gemütlichen Abendbrot eingeladen wurden, war ebenso unerwartet wie es den Fortgang der fachlichen und persönlichen Gespräche beflügelte.

Am folgenden Morgen standen 5 Vorträge aus dem Kreise der Teilnehmer auf dem Pro-gramm: Differenzierung von Cytoplasmatypen für die Etablierung und Nutzung von CMS-Systemen bei Allium-Arten, wie Schnittlauch, Zwiebel u.a. (Th. Engelke u. T. Tatlioglu, Han-nover); Erweiterung der genetischen Variabilität bei Porree durch Artkreuzungen (H. Peterka, Quedlinburg, einschließlich molekularer und cytogenetischer Ergebnisse von H. Budahn bzw. O. Schrader); Genetische Markierung und Hybridzüchtung, mit neuen experimentellen Ergeb-nissen an Daucus carota (G. Wricke, Hannover); Nutzung molekularer Marker für die Kultur-pflanzen-Taxonomie und die Charakterisierung geographischer und genetischer Diversität (K. Dehmer, Gatersleben) und Selektion von Trisomen bei Kopfkohl an Marner Zuchtmaterial (O. Schrader, Quedlinburg). Die jeweils sich anschließende lebhafte Diskussion moderierte Prof. Becker, Göttingen. Zum Schluß fasste Prof. Wricke den Dank der Teilnehmer an die Gastgeber mit dem Wunsch zusammen, solche Gespräche über wissenschaftliche Entwick-lungen und praktische Gemüsezüchtung, wie sie hier in Marne demonstriert werden konnte, zum Nutzen beider Seiten auch weiterhin im Rahmen der GPZ-AG fortsetzen zu können.

 (G. Röbbelen, Göttingen)